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Post: GEW Brandenburg, PF 600763, 14407 Potsdam FAX: 0331-27184-30 E-Mail: anmeldung@gew-brandenburg.de Konferenzen Rüdiger Schmidt -Kleiner Ausflug in die pädagogische Begriffsgeschichte- Prolog Im Anfang war das Wort. Nein, nicht das, sondern ein Wort, das ich nicht kannte. Tschuldigung, als ehemaligem Wessi sind einem manche Wörter eben fremd. „Das werden wir in der Dienstberatung besprechen", hatte der Kollege beiläufig gesagt, nach dem Seminar. - „Dienstberatung? Was ist das?" Ich muss wohl ein dummes Gesicht gemacht haben.- „Na ja, äh, Konferenz oder wie das jetzt heißt...!" Ach so. Das war vor ein paar Jahren. Seitdem begegnete mir das Wort noch mehrmals. Und ich erfuhr, dass das ein alter, gebräuchlicher Begriff war, vor der Wende, für die Zusammenkünfte der Lehrer (d.h. auch: Lehrerinnen) zur Regelung pädagogischer und organisatorischer Fragen. „Ja, gut, jetzt heißt das, „Lehrerkonferenz“ oder offiziell „Konferenz der Lehrkräfte“, aber wir sagen immer noch, Dienstberatung', das hat sich so erhalten, das sind wir so gewohnt." Ich bin ein altmodischer Mensch und habe viel übrig für Tradition, fahre ein altes Auto und entziehe mich jeglichem modischen Terror, auch dem der Sprachmoden. Ich kann mich noch entspannen und muss nicht „chillen", und der Hausmeister ist für mich nicht wichtiger, wenn er ,,Facility Manager" getauft wird. Aufmerksam werde ich nur, wenn Begriffe nicht zu Inhalten passen, wenn sie, bewusst oder unbewusst, andere Bedeutungen transportieren. Sind also die „Konferenzen", wie sie im Schulgesetz genannt werden, dasselbe wie früher die „Dienstberatungen"? Ich wurde neugierig und begann der Frage nachzugehen. Recherche Das Brandenburgische Schulgesetz in der Fassung vom 2. 8. 2002 handelt im Teil 7 von den „Mitwirkungsrechten in der Schule". Im Abschnitt 4 „Lehrkräfte" findet sich der § 85 „Konferenz der Lehrkräfte", und dort heißt es im Absatz 2: "Die Konferenz der Lehrkräfte berät alle wichtigen Angelegenheiten der Schule. Sie entscheidet insbesondere über die
Und wie war es früher, was war mit der Dienstberatung? Im Schulgesetz der DDR, genauer: dem „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungs-system" vom 25. 2. 1965, sucht man den Begriff „Dienstberatung" vergebens, es gibt ihn nicht. Das Gesetz spricht sehr programmatisch von der Aufgabe der Schule im Sozialismus und hält sich mit Einzelheiten schulischer Gremien nicht auf. Ein erster Hinweis im 4. Teil ,,Allgemeinbildende Schulen" 7. Abschnitt „Lehrer und Erzieher" § 25 Satz (6) bleibt allgemein: „Bei der Bildung und Erziehung der Schüler arbeiten die Lehrer und Erzieher eng mit den Werktätigen, den sozialistischen Brigaden und den Neuerern zusammen." Im 8. Teil „Planung und Leitung des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems" heißt es im 2. Abschnitt im § 77 Satz (1): „Die örtlichen Volksvertretungen und ihre Organe sind in ihrem Verantwortungsbereich für die Planung und Leitung des sozialistischen Bildungssystems gemäß den Bestimmungen dieses Gesetzes verantwortlich," - Dazu gehört im Satz (3) 5. Spiegelstrich „die Einbeziehung der Lehrkräfte, Erzieher und Mitarbeiter der Einrichtungen aller Stufen des sozialistischen Bildungssystems bei der Entwicklung des geistig-kulturellen Lebens." Einen Hinweis gibt noch der Satz (4): „Die Räte der Kreise und Bezirke gewährleisten, dass die Schulen und andere Einrichtungen des sozialistischen Bildungssystems nach dem Prinzip der Einzelleitung auf der Grundlage kollektiver Beratungen sachkundig geführt werden. (...) Sie sorgen dafür, dass die Direktoren der Schulen und die Leiter anderer Einrichtungen ständig ihr politisch-ideologisches und fachliches Niveau erhöhen." Ende der Durchsage, das Nähere regelten dann wohl Erlasse und Verfugungen der Organe; die sind, zumindest im Internet, nicht dokumentiert. Aber die Suchmaschinen fördern noch anderes zutage, Reflexe des Alltäglichen, in Berichten, Erinnerungen, Nachrufen, Jubiläumsschriften. Da tauchen die Dienstberatungen auf, als eine Form der pädagogischen Zusammenkünfte unter vielen anderen. Und wenn der Eindruck nicht täuscht, dann waren es straff geleitete Versammlungen, in denen die politischen und pädagogischen Vorgaben der pp. Organe „durchgestellt" wurden, wie ein Begriff hieß, den ich auch erst lernen musste. Ein gesetzlich verankertes Beschlussgremium mit Entscheidungskompetenz war die „Dienstberatung" jedenfalls definitiv nicht. Folgerungen Jetzt könnte ein ziemlich theoretischer Abschnitt folgen über Sprache und Inhalte, begriffliches Denken und Assoziationen, ideologische Sprachregelungen und perzeptive Routinen. Das wäre keine sehr kurzweilige Lektüre, und deshalb bleibt hier auf eine These verkürzt, was sonst umständlich entwickelt und abgeleitet werden müsste: Wahrnehmung und unser Handeln. Die Form der „bloßen Behauptung" erleichtert dem skeptischen Leser, das für Unsinn zu halten und mit dem Thema seinen Frieden zu machen. Wer dem Gedanken versuchsweise noch etwas folgen möchte, sollte ihn auf unser Beispiel anwenden: Wer eine „Konferenz der Lehrkräfte", die etwas beschließen und entscheiden kann, als „Dienstberatung" (alten Stils) bezeichnet, wahrnimmt und erlebt, der wird kaum die Kompetenzen nutzen, die der Gesetzgeber diesem Gremium zugedacht hatte. Und eine Schulleitung, der es mehr auf zügige Abläufe als auf umständliche Diskussionen ankäme, könnte damit ganz zufrieden sein, wenn das Kollegium nicht auf demokratische Rechte pochte, sondern die Veranstaltung als „Dienstberatung" abhakte. Dann mögen sie hinterher gern noch etwas lästern über autoritären Führungsstil und so - geschenkt. „Was lernt uns das?" So lautete der Sage nach die abschließende Frage des Gewerkschaftsfunktionärs am Ende der Schulung. Und da ich diese Überlegungen an GEW-Kolleginnen und Kollegen adressiere, sei mir ein entsprechender Schluss gestattet. In Gesprächen habe ich den Eindruck gewonnen, dass Kolleginnen verschiedener Schulformen manchmal Schulleitungen als autoritär empfinden und sich gegängelt fühlen, sich aber zugleich als ohnmächtig erleben und keine Möglichkeit sehen, etwas dagegen zu tun. Die Rechte der Konferenzen jedenfalls sind wenig bekannt und/oder werden nur unzureichend wahrgenommen. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es geht hier nicht darum, Kolleginnen gegen Schulleitungen zu mobilisieren - das ist kein wünschenswerter Frontverlauf. Aber es geht sehr wohl darum, Kolleginnen die Möglichkeiten nahezubringen, in den Konferenzen der Lehrkräfte ihre Rechte wahrzunehmen und die Bedingungen ihrer Arbeit in höherem Maße mit zu bestimmen als das in der Regel geschieht. Und es geht auch darum, das als Handlungskompetenz und Selbstwirksamkeit erfahrbar zu machen und damit als Teil der eigenen pädagogischen Professionalität zu installieren: Wir können demokratische Erziehung nur leisten, wenn wir unsere Einrichtung selbst demokratisch gestalten und entsprechend handeln - sonst bleiben alle schönen Schulprogramme und -profile Makulatur. ...außer man tut es Es wäre unfair zu verschweigen, dass die Nutzung der Rechte in Konferenzen Arbeit macht. Wer Probleme auf diesem Wege lösen will, muss Anträge formulieren, Absprachen mit Kolleginnen treffen, Verbündete gewinnen, Wortbeiträge vorbereiten und sich Grundkenntnisse über Formalien und Geschäftsordnungen aneignen. Das alles ist nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig. Aber die eingesetzte Energie amortisiert sich - als positive Erfahrung von solidarischem Handeln, als Erfolgserlebnis, als Zuwachs an Sach- und Prozesskompetenz. Und um solche löblichen Vorhaben zu unterstützen, habe ich dem GEW-Landesverband Brandenburg vorgeschlagen, ein Seminar anzubieten über Konferenzen - um ganz praktische Möglichkeiten zu trainieren und die Scheu vor dem Formalkram abzubauen, ein „niedrigschwelliges Angebot", wie es neudeutsch heißt. Konferenzen mitgestalten und für die Interessen der Kolleginnen nutzen - das wäre z. B. eine gute Möglichkeit für Mitglieder von Personal- und Lehrerräten und für GEW-Vertrauensleute, um ihre Rolle im Kollegium zu stärken und sich auf neue Weise nützlich zu machen. Einen solchen Versuchsballon würde ich gern starten. Mal sehn, ob's klappt. Über den Autor: Rüdiger Schmidt ist Diplom-Pädagoge und war bis 2003 Referent für Gewerkschaftliche Bildungsarbeit im GEW-Nordverbund Hamburg - Bremen - Schleswig-Holstein. Er lebt jetzt als Rentner in Berlin. |
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